Katharina Weinstock

Eine Video-Arbeit zeigt den Sonnenaufgang über California City – aufgenommen am Gipfel eines am Stadtrand gelegenen Wüstenberges, an eben jenem Ort, den der Künstler für sein Portal gewählt hat. California City liegt 150 km nördlich von L.A., inmitten der Mojavi Wüste. Die Stadt wurde 1958 durch den Immobilienentwickler Nat Mendelsohn gegründet, der von dem Ehrgeiz besessen war, mit seiner Modellstadt die Megacity Los Angeles an Größe und Bedeutung zu überbieten. Auf einer Fläche von 527,4 km2 (die somit größer ist als das Stadtgebiet von L.A.) wurden Grundstücke, ja ein gesamtes Straßennetz mitsamt einer vollkommen intakten Beschilderung angelegt. Der erwartete Bevölkerungsstrom jedoch blieb aus, der besiedelte Bereich hat lediglich die Größe eines Dorfes erreicht. California City ist Sinnbild einer gescheiterten stadtplanerischen Utopie. Ihre Straßen führen buchstäblich ins Nichts der Wüste. Hier gibt es nur Staub und das monotone Rauschen des Windes, das dann und wann vom Geräusch militärischer Test-Flugdrohnen zerschnitten wird. Als gescheitertes Real Estate Projekt erscheint California City wie ein Prolog zu den absurden Spektulationen, welche die Kapitalmarkt-Krise unserer Gegenwart ausgelöst haben.

Ein Portal inmitten der Wüste – das ist die künstliche Setzung einer Schwelle, die in den homogenen Raum plötzlich eine Ebene der Transzendenz einführt. Paradiespforten schmücken traditionellerweise Kirchenportale, wo sie die Differenz zwischen dem profanen Außenraum und dem sakralen Raum der Kathedrale markieren. Diesen vormodernen Himmel-Hölle-Dualismus deutet Rudolph – im Sinne der Postmoderne, in der die Idee eines Jenseits unmöglich geworden ist – in Hinblick auf die großen Versprechen, das ‚Imaginäre’ der westlichen Kultur um. In der Bildwelt seines Tors bringt der Künstler das Motivrepertoire des europäischen Barock mit banalen Alltagsimpressionen seines sechsmonatigen Kalifornien-Aufenthalts in Dialog. Ein Zusammenspiel, das mitunter in absurden Dissonanzen auseinanderklafft, mitunter zu einer überschwänglichen, verklärten Einheit amalgamiert. „Die überaus komplexe, medial vermittelte Wirklichkeit, die uns vor allem als eine unaufhörlich und immer schneller werdende Flut von Bildern und Informationen erscheint, kann nämlich im althergebrachten Sinne, ohne an Komplexität zu verlieren, nur als weißes Rauschen zu einer gelungenen Darstellung gebracht werden“, so der Kunsttheoretiker und Philosoph Philipp Kleinmichel (Philipp Kleinmichel „Zu Dennis Rudolph. Paradise Lost“).